Impfstoff in der Nadel

8 11 2009

Nein, ein Mediziner bin ich nicht. Trotzdem möchte ich einige Lektüreempfehlungen zur Frage der Angemessenheit des Impfens aussprechen, die vor allem populäre soziologische Betrachtungsweisen wiedergeben. Insofern kommt dieser Einwurf von der Seitenlinie.

Ulrich Beck: Weltrisikogesellschaft

Herr Beck beschäftigt sich damit, was Risiken sind und wie sie weltweit verteilt werden. In einem Interview mit der Welt sagt Herr Beck unter anderem:

Menschen glauben plötzlich an Ereignisse, die außerhalb ihres Lebens- und Erfahrungshorizontes liegen – und die dennoch dazu führen, dass sie mehr oder weniger konsequent von ihrem bisherigen Lebensstil und ihrem bisherigen Erwartungen an Freiheit und Wohlstand Abschied nehmen.

Zygmunt Baumann: Leben in der flüchtigen Moderne

Herr Baumann beschreibt die Bewegungen der Aufmerksamkeit in der postmodernen Gesellschaft. In einem französischsprachigen Interview führt Herr Baumann aus:

Nous avons donc besoin d’intellectuels pour nous faire prendre conscience de la réalité de certains dangers invisibles à l’oeil nu, mais aussi pour nous mettre en garde contre les menaces imaginaires ­inventées à des fins politiques ou commerciales.

Naomi Klein: The Shock Doctrine

Frau Klein beschreibt, wie Katastrophen dazu ausgenutzt werden um Macht- und Güterverteilungen neu zu ordnen.  In einem Interview mit der Zeit sagt sie:

Ich bin doch nicht gegen Regeln oder Einschränkungen. Sie müssen aber durch Information und Argumente eine Akzeptanz schaffen. Sie können das mit der Gesellschaft tun statt gegen sie, wir haben das bloß vergessen.

Cass R Sunstein und Richard H Thaler: Nudge

Herr Sunstein und Herr Thaler zeigen auf, wie vorgegebene Anordnungen dazu eingesetzt werden um Menschen zu „besseren“ Entscheidungen zu bewegen. In einem bei Christoph Koch wiedergegeben Interview sagt Herr Thaler:

Voreinstellungen nehmen uns Entscheidungen ab, wir können auf Autopilot schalten, statt nachdenken zu müssen. Oft geben uns Voreinstellungen auch das Gefühl: »Das ist die Wahl, die die meisten Leute getroffen haben – sie kann also auch für mich nicht so schlecht sein.« Stimmt nur leider nicht immer.





The dream we live in – etymologisch

7 11 2009

anne

Die Seelenerfahrungskunde, also die Analyse (die Erkundung mit der Absicht, das verschwommen als Einheit Wahrgenommene zu lösen, sprich: in den Wechselwirkungen seiner Bestandteile zu erkennen ) der Psyche (Seele) in der Nachfolge Freuds schreibt der Instanz (dem, worauf/s man besteht) des Ich auch synthetisierende (vereinigende) Tätigkeiten zu. Wenn ich also vorschlage ein atavistisches (von den Ahnen stammendes) Konzept (etwas, das man erfasst oder begriffen hat) vom Leben als manifester (greifbarer) Traumerfahrung – wie sie aus dem Schamanismus und der aboriginalen (vom Ursprung stammend) Traumzeit bekannt ist – mit den psychoanalytischen Erkenntnissen zur Traumdeutung zu koppeln, dann übe Ich (hier durchaus groß zu schreiben) eben diese Tätigkeit aus – und verletze damit von beiden Richtungen aufgestellte Grenzen. Es entsteht ein Konflikt (Zusammentreffen), der sich krisenhaft (etwas, das einer Entscheidung harrt) zuspitzen kann. Der Versuch einer Synthese bewirkt also eine Abgrenzung?

Aus dieser Erkenntnis heraus hat die Psychoanalyse nach Freud erweiternde Richtungen eingeschlagen, wie sie sich in den Werken Jungs, Reichs und Grofs  zu Horizonten (Wahrnehmungsgrenzen, Gesichtskreisen) aufschwingt, die über das Individuelle (Unteilbare, aber auch Einzigartige) hinausgehen. Wichtig ist dabei das Prinzip (wo etwas, hier das Erlaubte, seinen Anfang nimmt) der Zensur (des Abschneidens), das die Gesichtskreise begrenzt.  Der Zensor (der Abschneidende, Begrenzende) kann als Kraft beschrieben werden, die die Integrität (die Unversehrtheit) des Ich schützt, indem sie das ausgrenzt oder nur in veränderter Form zulässt, was diese Unversehrtheit wirklich oder imaginär (eingebildet) verletzen könnte.

zensor

Anna Freud hat die Abwehrmechanismen (Werkzeuge der Abwehr) des Ich intensiv (gespannt) erkundet. Um das obige Zitat nicht vorschnell aufzunehmen, ist es wichtig zu verstehen, dass „Assoziation“ (Verbindung, Verknüpfung) und „Widerstand“ in der Psychoanalyse nicht im Alltagssinn verwendet werden, dass es fachsprachliche Termini (abgegrenzte Begriffe) sind, die ein Verfahren (Assoziation) und eine Verhaltensweise des Ich (Widerstand) beschreiben. Ansatzweise verständige Laien wie ich können diese Begriffe kaum benutzen ohne von erfahrenen, ausgebildeten Verwendern zurecht auf Unstimmigkeiten in ihrem Verständnis des Systems (des in sich verbundenen, zusammenhängenden Gebildes) der Psychoanalyse hingewiesen zu werden. Diese Tatsache bewusst beiseite schiebend, schlage ich dennoch ein Gedankenspiel vor:

Man imaginiere (bilde sich ein), Frau Freud habe hier die konstruktivistische (bildende, zusammengebaute) Bastelanleitung für die täglich erlebbare Umwelt geliefert. Diese Vorstellung, der latente (verborgene) Traum, die Möglichkeit an Wirklichkeiten, die uns umgibt, werde mittels bestimmter Verfahren der Ab- und Ausgrenzung zum manifesten (greifbaren) Erlebnis, bietet nicht nur eine Erklärung für individuell unterschiedliche Reaktionen (Wieder-Handlungen) auf dieselbe Gegebenheit (die nur aus der Sichtweise eines Dritten als mit sich selbst gleich erschiene*), welche die Psychoanalyse ja von Pathos (Leiden) zu befreien sucht, sondern befriedigt ein uraltes Verlangen nach Orientierung (Ausrichtung zum Ursprung hin oder vom Ursprung her) in einem als ungeordnet erlebten Universum. Das eben, was die Analyse als eine Funktion des Ich in der Bewusstseinsbildung beschreibt. Hat man diesen Schritt (der in der Psychoanalyse alter Schule als „magisches Denken“ ausgegrenzt und als neurotisch betrachtet würde) vollzogen, dann ist der Schritt zur Spiritualität (der Erfahrung einer begeisterten Welt) nicht mehr weit.

Eben diese Pfade beschritten in der Abgrenzung zum objektivistischen (auf das Entgegengeworfene eingeschränkt) Empirismus (auf dem, was Wissenschaft als Erfahrung abgrenzt, gründend) Freuds einige seiner Schüler und Nachfolger. Wie nicht anders zu erwarten, verloren manche dabei zeitweise den festen Boden unter den Füßen, was aber weder den Versuch als solches noch ihre Funde in der Gesamtheit diskreditiert (ihnen das Vertrauen entzieht). Denn sollten wir wirklich unser Dasein in einer durch so willkürliche wie nicht bewusstseinsfähige Grenzziehungen beschützend abgeschirmten Wirklichkeit fristen, dann ist jeder Blick über den Horizont (den die Wahrnehmung einschränkenden Gesichtskreis) hinaus nicht nur eine Bedrohung, sondern vielleicht auch eine Befreiung von nicht mehr benötigten oder sogar im Jetzt bedrohlichen Schutzhaltungen. Dies zu tun, ist Herr Freud einst angetreten, wenn ich die Überlieferung richtig deute.

Aufklärung heißt eben, sein Verständnis (das, was man für selbstverständlich, verständlich und unverständlich hält) als Erlebensgrundlage auf vulkanisch bewegten Kontinenten (Zusammenhängendem) anzunehmen, nicht aber es zu verabsolutieren (loslösen, im Sinne von: als unveränderbar und uneingeschränkt gültig ansehen). In den Worten Kants:

716px-FlammarionWoodcut

* In der Psychoanalyse gilt hier das Realitätsprinzip (das, was in der Wirklichkeit seinen Ursprung hat) – wieder so ein Begriff, der ausführliche Verständnisübungen erfordert.

(Die zum Abschluss verwendete Grafik, ein Holzschnitt Flammarions, wird als gemeinfrei ausgewiesen: http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:FlammarionWoodcut.jpg )





wendung

6 11 2009

wendung

Das Bild, das diesem Gedicht hinterlegt wurde, ist die Weiterbearbeitung eines in Pfullendorf aufgenommenen Fotos, das in Rohform sehr komplex ist. Im Schaufenster eines Geschäftes (das offensichtlich alles anbietet, was Geld zu werden verspricht, von der Zahngoldannahme über Elektrogeräte bis zu Versicherungsdienstleistungen) spiegeln sich die umliegenden Fachwerkfassaden.

Tatsächlich hat das Bild durch die Bearbeitung (Farbverschiebung und Kontrastanreicherung, dann Sepia-Filter) eher an Einfachheit gewonnen als verloren. Das unter diesen Grund montierte Gedicht spiegelt eine weitere Komplexitätsebene hinzu. Die meisten der Worte sind einfach, aber die Metaphern beruhen auf einem Verfremdungsvorgang, der dem Filtern mit GIMP nicht unähnlich ist. Es gab zwei Protoversionen, eine sehr melancholische und eine heitere, die zu diesem Substrat zusammenflossen, das (für mich zumindest) dennoch in sich stimmig wirkt.





droste

3 11 2009

droste

Um Missverständnisse zu vermeiden: Dieses Gedicht ist weder von Annette von Droste-Hülshoff (sondern von mir), noch ist sie hier abgebildet (das ist Fassadenschmuck von Kasseler Jugendstilgebäuden und Herbstlaub). Wohl aber scheint mir die Stimmung dieses Gedichtes ein Droste-Feel zu haben, von einer gewissen Schwermut durchdrungen und dennoch ganz bei sich, weshalb ich diesen Titel wählte.





nach ende des krieges

31 10 2009

nachendedeskrieges

Die Grafik dieses Gedichtes basiert auf den Stuck- und Steinarbeiten an den Außenfassaden von Jugendstilgebäuden im Vorderen Westen Kassels. Manche Städte ermöglichen die Zeitreise. Kassel macht es mir leicht, mich mit unterschiedlichen Erlebniswelten des zwanzigsten Jahrhunderts zu verknüpfen. Einige der Schrecken, die in den zwei Weltkriegen erlitten oder selbst verübt wurden, sind in den dortigen Gebäuden noch sehr präsent.

Das Gedicht selbst ist, trotz der Alliterationsarmut, akustisch konzipiert. Ich stelle mir zwei Stimmen vor, eine männliche und eine kindliche, die es leicht zeitversetzt aber fast simultan sprechen, wobei die männliche im Vordergrund steht, die kindliche eher aus dem Hintergrund und von den Seiten her vordringt.