Vorüberlegungen zu einer Publikationsform
„To cast“ ist ein englisches Tätigkeitswort. Für sich genommen, bedeutet es „gießen“, also die Überführung eines Materials aus einem (künstlich herbeigeführten) höherenergetischen, flexiblen Zustand in eine niederenergetischere, starre Form, wobei Anpassung an eine Gußform eintritt. Schillers Lied von der Glocke widmet sich vielen Aspekten dieser Produktionsform.
Zugleich tritt das verb „to cast“ in Komposita wie „broadcast“ auf. Hier wird die Breite der Gesellschaft als Gußform gesehen, der sich das (Bild- und) Klanggeschehen anpasst. Aus dieser Wortverbindung, nicht aber aus der Bedeutungsfügung, herausgelöst ist das „casting“, also die Passungsprüfung der Rollenflexibilität einer Person auf einen zu besetzenden „part“ (Teil) eines Gesamtwerks hin. Dass dabei nicht selten „Klischees“ aktiviert werden, liegt in der Natur dieser Vorgehensweise.
Ein Neologismus, bei Beibehaltung der Bedeutungsfügung, ist der „podcast“. Ein flüssiger Klangmoment schmilzt in die mentale Form, die der Bearbeitende und Publizierende bereithält, um zu einer rezeptionsfähigen Skulptur zu erstarren. Ein „pod“ – in „podcast“ abgeleitet von der Markenusurpation des Begriffes durch eine Computerfirma – ist eine tragende Sockelstruktur oder auch ein Außentriebwerk (wie beim Podracer in Star Wars). Es ist ein „point of decision“, an dem sich Innengeschehen und Außengeschehen technisch verbinden. Bei einem „podcast“ dreht sich also alles um Transmutation – allzu offensichtlich bietet sich eine hermetische Alchemistensprache an – zu einer Paßform hin.
Dieses transmutierende Moment des Singulären und Vergänglichen ins Repetitive und Gefügte, scheint mir der „point of decision“ jeden „sound castings“ zu sein. Brian Eno und die anderen Pioniere der Ambient-Sound-Bewegung haben bereits mit dieser Vorstellung gespielt. Die Mischung aus Übergang und Erstarrung, aus dem Wechsel des „contents“ und Beständigkeit der Grundstruktur geboren, wird in einem Albumtitel wie Music for Airports überdeutlich.
Zugleich aber bietet die englische Vokabel „sound“ eine Mehrfachbedeutung an, die hier nicht unterschlagen werden kann. Es geht ja nicht nur um Klang, sondern auch um das „Einpassen“ des Klanges in das Gesamt einer Struktur, um Harmonie und „Stimmigkeit“. Insofern wird mit einem Titel wie „sound cast“ eine zweifache Übergangsbewegung beschrieben:
Auf der Ebene des „sound“ findet ein Einstimmvorgang aus dem Eigenbereich auf das Umfeld hin statt;
auf der Ebene des „cast“ eine Fixierung von Klang- und Bedeutungsinhalten in eine gesellschaftlich anerkannte Unterhaltungsform.
Diese Doppelbewegung findet sich auch im angedachten Untertitel: „Richters Klanggießerei“. Zum einen fließt dieser vom Eigennamen zum allgemeinen Vorgang, zum andern liegt im Wechselspiel von flüchtigem Klang und dauerhaft formender Gießerei die Dynamik des „castings“ begründet. Um mit Benjamin zu sprechen: Der Flaneur fixiert (photographisch oder) audiophon den Augenblick der Passage.
Die Tendenz bei alledem ist eine publikatorische, eine eindirektional kommunikative. Zwar lassen sich dialogische und und andere Formen dem Publikum „vortragen“, aber dieses erhält als alleiniges Kommunikationsinterface ein Kommentarfeld zugeteilt, ohne in das Werk direkt eingreifen zu können. Diese solipsistische Eigenheit des „sound castens“ ist der konsumorientierten Enrwicklung innerhalb des Web 2.0 durchaus angemessen. Welche innovativ-kreativen Inhalte werden dort transportiert, die nicht repetitiv oder weitgehend vorhersagbar sind? Auch die Gußform des Web 2.0 ist am „broadcasting“ und somit am Konsum orientiert und Interaktion auf einem schöpferischen Niveau nur bedingt möglich.
Dies sind erste, konzeptionelle Vorüberlegungen. Ich bin neugierig, was sich manifestieren wird. Um es, aus einer anderen Perspektive, mit den Worten Jean-Luc Nancys zu sagen: „Ein Körper ist eine Spannung (tension). Und die griechische Wurzel des Wortes ist tonos, der Ton. Ein Körper ist ein Ton. Und damit sage ich nichts, dem ein Anatom nicht zustimmen könnte: Ein Körper ist ein Tonus.“



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