Michelle Obamas Oberarme

8 04 2009

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Öffentliche Gebäude – Rathäuser, Ämter, Schulen, Behörden, Krankenhäuser, usw. – und Firmenbauten sind in der Regel über mehrere Stockwerke hin angelegt. Die Höhendifferenz zwischen den Stockwerken wird durch Treppen und Aufzüge überbrückbar gemacht, bei großzügiger Anlage bisweilen auch durch Rampen. Dabei spiegelt die Bauwerkshierarchie nicht selten die innere Topografie der jeweiligen Institution. Die Chefetage ist nur in Ausnahmefällen ebenerdig zu finden, meistens sucht man in den jeweiligen Gebäudeplänen zunächst im oberen Bereich nach den Parzellen, denen Macht und Verantwortung zugeschrieben wird. Wenn Kontakte in den unteren Ebenen sich als unzureichend erweisen, wendet man sich (oder droht zumindest damit) an „die da oben“ und will „den Chef sprechen“. Diese vertikale Ausrichtung der Hierarchie ist symptomatisch für eine Gesellschaft, die sich postmodern dünkt, in Wahrheit aber noch immer fürchtet, ihr könne, frei nach Asterix, der Himmel auf den Kopf fallen.

Aber auch andere Machstrukturen bevorzugen die aufstrebende Orientierung und das Fehlen dieser Z-Achsen-Komponente wird manchmal als Ausweis fehlender Legitimation gewertet. Würden Sie sich auf eine Nahrungspyramide verlassen, die als überkant herumliegendes Dreieck dargestellt wird? Gar Ihre Diät danach ausrichten? Ein Superman, der nicht fliegen kann, würde nicht einmal Dreijährige beeindrucken. Ein waagrecht auf dem Boden liegender Fahnenmast wäre so überzeugend und funktionsfähig wie eine im Keller angebrachte Außenantenne. Die dritte Dimension ragt heraus, hilft, in Abbotts Flächenlabyrinth zum Ziel zu finden. Gerade jetzt im Frühling wird diese Neuerfindung der Höhe auf Schritt und Tritt erlebbar. Jeder junge Trieb und jeder Grashalm zeigt uns deutlich, wo’s lang geht.

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Und dennoch: Die Demokratisierung der Gesellschaft hat Plattformen – ebene Flächen – herausgebildet, auf denen die vertikale Strukturierung nicht mehr als grundsätzlich identitätsstiftend wahrgenommen wird. Hier sind Flachseilakrobaten und andere kulturell Kreative zu finden, denen es weniger um Klimmzüge am sozialen Reck zu tun ist, als um das Finden eines adäquaten Selbstausdrucks. Kleinkünstler und Großsprecher besiedeln die Innenstädte und Weiten des Web 2.0, schaffen einen Diskurs, dem man vielleicht nachsagen könnte, er sei wirklich herrschaftsfrei, wenn er ausgiebiger dafür genutzt würde, das Spezifische zu sondern. Sich nicht über Michelle Obamas Oberarme, den aktuellen Fauxpas von Britney Spears, die neueste Spielkonsole oder ein nahendes Kinoereignis zu äußern, markiert eine Gefährdung der Konsum-Konsens-Gesellschaft, zeichnet den sich Versagenden. Wer herausragt, das lernen wir schon im Kindergarten, spätestens aber in der Schule, wird abgemäht.

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Denn es gibt natürlich nicht nur vertikale Stelen und Obelisken, Triumphbögen und Siegessäulen der gesellschaftlich zugeschriebenen Macht, sondern auch die Steilwände der individuellen Bemächtigung, der physisch-psychischen Befähigung und des persönlichen Vermögens, an denen wir uns lebensfrüh versuchen. An dieser Stelle setzt die oft geäußerte Kritik am dreigliedrigen Schulsystem und dessen Auswahlmechanismen an. Wollen wir wirklich Kinder, die kaum sprachmächtig und auf die gängige Intellektualisierungsform getrimmt, vielleicht aber gerade auf einem dieser Gebiete hochbegabt, schon nach wenigen Jahren unter wechselndem Lehrpersonal auf eine möglicherweise ungeeignete Lebensbahn entsenden? Nun ja, es gibt ja noch die Nebenwege, in Didaktendeutsch auf die Formel: „Kein Abschluss ohne Anschluss“ gebracht. Es ist bezeichnend, dass mittlerweile die beruflichen Gymnasien fast ein Drittel der Abiturienten ausbilden. Vor allem abseits der begradigten Pfade wuchert das Talent.

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Ich träume von einer demokratischen Schulhausarchitektur, die die gewölbte und geschwungene Ebene organisch gliedert. Ich träume von ökologischen Nischen, in denen das Besondere jeder Persönlichkeit seine ureigene Kraft entfalten und gesellschaftlich verfügbar machen kann. Ich träume von sanften Hügeln und flachen Stufen, die man ohne Atemnot ersteigen kann – einfach um die Aussicht zu geniessen. Ich träume von einer taoistischen Gelassenheit, die nicht jede Befürchtung in einen Zwang und jede Sorge in ein Festhalten wandeln muss. Ich träume von wachen, aufmerksamen Menschen. Nur von einem träume ich nicht: Michelle Obamas Oberarmen. Das überlasse ich gerne ihrem Gatten.

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Links:

Der herrschaftsfreie Diskurs

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Eine Antwort

8 04 2009
Angelika

Dein Text spricht mich sehr an. Danke für die vielen informativen Links! Den Artikel über „Architektur und Macht“ habe ich mit grossem Interesse gelesen. Wenn ich in Räume / Zimmer komme, denke ich oft, die Menschen passen sich diesen Räumen an, müssen sich ihnen anpassen. Es sollte anders sein: Die Räume sollten in Grösse und Format den Bedürfnissen der Menschen angepasst sein :-) Ich glaube, dass das, was als Folge zunächst wie eine grosse Unordnung erschiene, sich bald als sehr organische Ordnung herauskristallisierte.

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