Anmerkung zu einem Kinderlied

20 05 2009

Hörspiel für 3 Stimmen und eine Spieluhr

Sprecher:
Er (vorwiegend linker Kanal)
Sie (Mitte)
Es (vorwiegend rechter Kanal, als Es/Er ebenfalls von rechts).
Der Einklang und Ausklang, sowie die Trennung zwischen den Szenen erfolgt durch einen klassischen Hörspielgong.

I.

Er: Am Anfang summte ich vor mich hin. Das war das weiße Rauschen der Ewigkeit. Dann formte ich Laute und Silben, Silben und Worte, Worte und Sätze, Sätze und Geschichten. Jetzt spreche ich Recht, denn dies ist der letzte Atem meines Sprechens.

Sie (von fern): … und glaubt noch immer, alleine zu sein …..

Er: Tretet also vor meinen Stuhl und schweigt. Ich werde euch aussprechen. Das ist meine Gnade.

Sie (etwas näher): …. so viel Mund und so wenig Ohr. So viel Stimme und so wenig Harmonie. So viel ….

Er: So sage ich: „Du wirst sein. Du bist. Du warst.“ Das ist es, was ich sage, auf diesem Stuhl. Dieselben Worte für einen jeden, gut oder böse, laut oder still. „Du wirst sein. Du bist. Du warst.“ Das ist es, was ich sage.

Sie (noch etwas näher): … erfand er die Macht. Die Einsamkeit. Jeden Tag und jede Stunde wächst sein Wahn. Niemals durfte, niemals darf ….

Er: Du wirst sein. Du bist. Du warst.
(Diese Sätze, fortlaufend wiederholt, wandern langsam aus dem Vordergrund in den Hintergrund, wo sie während der zweiten Szene zu hören sind.)

II.

Sie: Mein Name ist dir bekannt. All das andere auch. Du weißt, was ich in mir trage. Du weißt, was ich um mich trage. Du kennst alle meine Teile und alle meine Summen. Nichts gibt es, dass du nicht weißt … und dennoch weißt du nichts.

Es (brüllt laut auf).

Sie: Es ist dir egal, ob man dich leugnet, denn nichts ist außer dir .Auch nicht die Leugnung. Es ist dir egal, ob man dich schmäht, denn nichts ist außer dir. Auch nicht die Schmach. Es ist dir egal, ob man dich liebt, denn nichts ist außer dir. Auch nicht die Liebe. Ist es nicht schrecklich, all dies zu sein … und doch nichts?

Es (wirft Gegenstände um als seien es Widerstände: Poltern, Klirren, Schlagen, Zerstörungsklänge. Brüllt): Halte das …. halte das … halte das nicht …. nicht mehr aus!

(Langsam verebbt Es’ Zerstörungswut, später klingt Ers Mantra aus. Stille.)

III.

(Stille)

Sie (mit viel Hall, wie in den Bergen): Haaaaaaalloooooo …

(Stille)

Sie (ebenso): Wie heißt der Bürgermeister von Weeeeeesel?

(Stille)

(Eine Spieluhr klingt auf: „Fuchs, du hast die Gans gestohlen …“ und wieder ab. Stille.)

Es (ganz nah): Hab dich! Verstecken giltet nich! Bist doch da! Musst Pfand geben. Jetzt. Gib mir …. gib mir …. deine …. Stimme!

(Stille)

Es/Er: So soll es sein!

(Erschrockene Stille)

Es/Er (singt):

stets aufs neue, stets aufs neue – kommt die polizei
ordnung aus der himmelsbläue – tatütata, vorbei

immer wieder, immer wieder – kommt das ordnungsamt
engel singen himmelslieder – knapp vorbeigeschrammt

rund im kreise, rund im kreise – dreh’n die räder sich
ohne motor, ohne autor – still und fürchterlich

IV.

Sie: Also gab ich auf. Das war es, was ich zu geben hatte. Alles. Das war, als er es schon nicht mehr bemerkte. Mein Geschenk war, nichts mehr bei mir zu behalten, das ich hätte schenken können. Nicht einmal meine Anwesenheit. Nichts. Hätte er das bemerken müssen? Er hätte es nicht bemerken können. Nicht bemerken dürfen. Wenn einer alles ist, wie soll er des Nichts achten? So gab ich mich hin. Das war meine Hingabe. Wäre sie nicht sinnlos gewesen, meine Hingabe, sinnlos und nutzlos, würde er ihrer gewahr werden? Hätte ich mich nicht umsonst gegeben, wenn auch noch die kleinste Spur meiner einstigen Anwesenheit in seinem Bewusstsein verblieben wäre?

V.

Es/Er: Sonne? Warum nicht? Übergrund und Hintergrund. Meer auch, ja. Und Erde. Hübsch gehäufelte Erde. Warum nicht? Stein, Pflanze, Tier, Mensch, Vulkan und Echse. Ab und zu eine Prise Bewusstsein. Warum nicht? Ab und zu etwas Verzweiflung, etwas Hoffnung. Warum nicht?

Sie (weit entfernt): Warum doch?

Es/Er: Und hübsch viel Geschichte!

Sie (sich langsam nähernd, bis ihre Stimme ganz nah ist): Was ist das: „dunkle Materie“? Was ist das: „Zwischenraum“? Was ist das: „Unentschiedenheit“? Was ist das: „Vertrauen“? Was ist das: „Stille“? Was ist das: „Trauer“? Was ist das: „Abwesenheit“? Was ist das: „Harmonie“? Was ist das: „Nähe“?

Er (donnert): Meine! Stimme!

Es (weint)

Er: Meine Ordnung!

Sie (leise): Mein Schweigen!

Es (halb trotzig, halb weinerlich): Mein Spielzeug …

Sie (leise): Und er sah, dass es gut war ….

(Spieluhr „Fuchs, du hast die Gans gestohlen …“ beruhigt Es’ Schluchzen.)

Sie (leise, entfernt): …. dass es gut war ….

(copyright jo richter, 2009)


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