Aus dem Hut gezaubert

12 07 2009

Nein, dieser Blog ist offiziell G-rated, nicht GV-rated. Nicht nur deshalb will ich über 90 Prozent des Inhalts eines Buches nicht schreiben, das sich über lange Strecken in minutiösen Beschreibungen ebendieser Betätigung ergeht, wobei die orale Abart – gerne auch unter paralleler Verwendung diverser psychedelischer  Substanzen – eindeutig überrepräsentiert ist. Nun,  gerade die verbleibenden 10 Prozent haben es durchaus auch in sich ….

reflektion

Das erste Mal las ich einen Teil der Trilogie über Schrödingers Katze in einem Alter als ich durch  die damals virulente Phase der Adoleszenz so verstört war, dass ich alles andere  – und sei es noch so irritierend – nur als erlösend begreifen konnte. Hesse hatte ich damals schon hinter mir, Robbins und so manches andere auch. Nun ja.  Ähnlich wie die Schriften von Borges und einigen anderen Autoren öffneten Robert Anton Wilsons Bücher Horizonte – allerdings ohne detaillierte Spuren in meiner Erinnerung zu hinterlassen. Als ich daher kürzlich ein Exemplar des Zauberhuts für 2,99 in einer Grabbelkiste entdeckte, griff ich zu.  Nun ja, derart ausführliche Beschreibungen intimer Situationen waren in meiner Erinnerung wirklich nicht mehr präsent ….

trick

… dafür aber viele der Ideen zur Quantentheorie, zu psychischen Realitätsverschiebungen, zu subjektiven Minversen. Das ja. Neben Science-Fiction Koryphäen – um jeweils nur einige zu nennen – wie Rucker, Heinlein, Dick, Lem, LeGuin, Gibson oder Franke und  Romantikern wie Hoffmann, Wieland (ja, auch der konnte ganz schön romantisch werden) oder Novalis  initiierte mich Wilson in die Welt des Möglichen, des (Un)Denkbaren und des Phantastischen auf pseudowissenschaftlicher Basis. Herrjeh, in diesem Alter ist man ganz schön anfällig dafür! Was Abbots Flächenland, Carrolls Alice-Geschichten und Scheerbarts Erzählungen anregten, hatte sich zu jener Zeit bereits zu einem gewaltigen Tsunami aufgetürmt,  der den Blick auf noch ältere Vorbilder versperrte.

metaphern1

Was mich neben dieser Freude des Wiedererkennens weniger begeistert hat, war die nietzscheanische Vorstellung vom kommenden Übermenschen, die in diesem Buch eine stark transhumanistisch durchformte Ausprägung findet. Diese Denkart – über technologische Machbarkeit eine spirituelle Gegebenheit zu beeinflussen – hat mich schon immer befremdet, auch bei Wilsons Freund Alan Ginsberg. Positiv aufgefallen sind mir dagegen die Passagen und Gedankenwege, die ich hier in Zitaten herausgestellt habe. Ja, man merkt, wes Zeiten Kind der Roman ist. Damals haben Bandler und Grinder NLP erfunden, indem sie von Erickson, Satir, Huxley, Pearls und anderen entlehnten, was sie für verwertbar hielten. In eben dieser Weise bedient sich Wilson bei der Quantentheorie, der Semantik, der Magie und der Zauberkunst. Was für ein Glück, dass er nie auf die Idee kam, Gebrauchtwagenhändler zu schulen!

metapher II

Was bleibt? Vielleicht die gewaltigste Erkenntnis im Wiederbegnen war, dass ich keine Lust verspürte, ein weiteres Werk von Wilson zu lesen. Die wirklich spannenden und mitreissenden Passagen sind einfach zu spärlich gesät und zu populistisch. Was hätte Wilson wohl geschrieben, wäre er damals schon mit der String-Theorie oder der Vorstellung von dunkler Materie vertraut gewesen? Nun, ich stelle fest, dass ich es gar nicht wissen will …. sollte er eine Wirkung entfalten, dann aus einer Wiedergeburt der siebziger Jahre heraus.

joe und marvin

Falls Sie ein Fan des Autors sind, der sich über meine Rezension ärgert, erlauben Sie mir, Sie darauf hinzuweisen, dass Sie noch einen Tag lang Gelegenheit haben, ein besonders bedeutungsreiches Stück aus dem Nachlass Robert Anton Wilsons zu erwerben: Seinen Türklopfer!



Aktionen

Information

Kommentieren